von Dr. Petra Wilhelmy

 

Federn, Fasern, Stacheln – aus solchen natürlichen wie auch Natur assoziierenden Materialien baut Petra Jung Hüllen und Nester. Mit ausgeprägtem Einfühlungsvermögen schafft sie neue mögliche Behausungen, die aussehen, als seien sie eben erst verlassen worden, als sei gerade jemand flügge in die Welt hinausgezogen, um das Leben zu erfahren.

Dass Petra Jung die Natur liebt, merkt man ihren Arbeiten sofort an. Man benötigt zu dieser Erkenntnis keine biografischen Angaben wie das Studium der Biologie oder die Abenteuerreisen in die verschiedensten Länder der Erde, obwohl auch diese Fakten Jungs Interesse an den Erscheinungsweisen und Zusammenhängen der Natur nachdrücklich dokumentieren. Petra Jung ist fasziniert vom Leben mit seinen Möglichkeiten und Metamorphosen. Leben heißt Veränderung, Wandlung. Aus einzelnen Phasen überdauern Relikte, Hüllen und Keime. Während die Hüllen als verlassene, abgestoßene Ummantelungen leer zurückbleiben, weil sie im zukünftigen Entwicklungsstadium eines Lebewesens nicht mehr benötigt werden, weil sie zu eng, zu klein, zu warm geworden sind, bergen die festen Schalen von Kernen und Samen den Keim einer Genese in sich. In beiden Fällen sind wir ebenso mit dem realen Sachverhalt wie mit dem Potenziellen konfrontiert, das wir aufgrund unseres Wissens und unserer Erfahrungen mitdenken. Unsere Vorstellungskraft wird mobilisiert, ebenso unser Gespür für die prozessualen organischen Abläufe, denen wir alle unterliegen. Wer lebt, muss sich an äußere Gegebenheiten – Wärme, Kälte, Nässe, Gefahren – anpassen und eigene körperliche Veränderungen – Wachstum, Reife, Verfall – akzeptieren.
Auch wir Menschen sind eingebunden in fortlaufende Veränderungen, in die wir uns temporär einzurichten versuchen. Die allgemeingültigen Entwicklungsprozesse, die Petra Jung antreiben, finden sich adäquat ausgedrückt in dem Gedicht „Nur eine Rose als Stütze“ von Hilde Domin aus dem Jahr 1959 wieder:1


Ich richte mir ein Zimmer ein in der Luft
unter den Akrobaten und Vögeln:
mein Bett auf dem Trapez des Gefühls
wie ein Nest im Wind
auf der äußersten Spitze des Zweigs.

Ich kaufe mir eine Decke aus der zartesten Wolle
der sanftgescheitelten Schafe die
im Mondlicht
wie schimmernde Wolken
über die feste Erde ziehn.

Ich schließe die Augen und hülle mich ein
in das Vlies der verläßlichen Tiere.
Ich will den Sand unter den kleinen Hufen spüren
und das Klicken des Riegels hören,
der die Stalltür am Abend schließt.

Aber ich liege in Vogelfedern, hoch ins Leere gewiegt.
Mir schwindelt. Ich schlafe nicht ein.
Meine Hand
greift nach einem Halt und findet
nur eine Rose als Stütze.

Die Suche der Dichterin nach Geborgenheit und Freiheit findet Halt im stacheligen Stiel einer Rose, einer Blume, die in ihrem Widerspruch zwischen Anmut und Abwehr für Domin existenzielle Bedeutung besitzt. Interessant ist, dass gerade das abweisende und verletzende Element der Stacheln der Dichterin eine Stütze verspricht, ein Stütze, die Hoffnung und Gefahr in sich vereint. So können auch Petra Jungs stachelbesetzte Refugien als ambivalente, Schutz gewährende Heimstätten interpretiert werden.

Ihre Kunstobjekte sind von besonderer Zartheit. Selbst wenn Stacheln oder aufgeklebte Metallnägel ihre Spitzen nach außen richten, betont diese Form der Verteidigung die Verletzlichkeit des ursprünglich beherbergten, zu beschützenden Wesens mehr als sie die Möglichkeit seines aktiven Angriffs auf ein Gegenüber markiert. Einem Igel ähnlich, jedoch aus harten Nägeln auf hartem Stein, erfindet Petra Jung der Natur analoge Gebilde. In diese Gruppe gehören auch die irokesenartig mit Nägeln gespickten Schneckenhäuser, die gerade durch den die größte Ausdehnung betonenden Strahlenkranz zu besonderer Vorsicht mahnen. In anderen Arbeiten umspinnen feinste Fasern wie ein Flaum stachelige Kugeln, die den Fruchtkapseln von Maronen nachempfunden scheinen. Mit dünnen Hanffäden umwickelt Jung auch leere Hüllen und gibt ihnen das Aussehen abgestreifter Kokons, oder sie wattiert damit Nester zu flauschigen Betten aus und umgarnt flache, geöffnete und mit natürlichen Fundstücken fremd besetzte Kernhüllen. Sie wirkt Büschel von haarigen Fasern wie Tentakel in Teebeutel ein und macht sie so flugfähigen Pflanzensamen oder vielleicht auch im Wasser treibenden Quallen ähnlich. Mangokerne verwandelt sie auf vielerlei Art, mal als Schale für Samenkörner, mal als insektenhaftes Flügelpaar oder als gefährlich stachelige Auster.
Eine weitere Gruppe von Objekten, die „Kakteen“, bilden Röhren aus organisch gefärbtem und mit Silikon stabilisiertem und formbar gemachtem Teebeutelpapier, die rundum mit scharfen Spitzen gespickt sind. Meistens weisen die Zacken wehrhaft in die innere Schutzzone des Hohlkörpers und sichern sie gegen Eingriffe von außen. Man würde sich an den Stacheln unweigerlich verletzen. Für das Auge aber ist dieses filigrane Gerüst aus stechenden Zweigen eine Entdeckung, genau wie die raue, kratzige Struktur der Außenhaut, die ebenfalls vor Berührungen abschreckt. Wie ausgehöhlte, borstige Baumstämme muten diese durchbohrten braunen Zylinder an, fragile Behältnisse eines geheimnisvollen Innenlebens.

Leere Hüllen sind auch Thema in Jungs Objekten, die sich am menschlichen Körper orientieren, wie die mit Daunen übersäten, majestätisch wirkenden „schwarzen Madonnen“, die aufgereihten gefilzten Kinderköpfe oder die schwebenden „Hermesstiefel“. Bei den Madonnen ist der Hohlraum mit von innen durch Löcher eingeführten Elementen gefüllt, diesmal mit voluminösem Federflaum anstelle von Dorngeäst, der das Innere in einen behaglichen Zufluchtsort transformiert, während die außen sichtbaren Enden der Federkiele die Gestalt vor einem unvorsichtigen Zugriff abschirmen. Die verlassenen Häute Petra Jungs sind von traumhafter Leichtigkeit. Sie fordern Behutsamkeit ein, auch ohne abwehrende Zacken.


1 Das Gedicht gab Domins erstem Lyrikband den Titel. Wiederabgedruckt in: Hilde Domin: Sämtliche Gedichte. Hg. von Nikola Herweg und Melanie Reinhold. 5. Aufl. Frankfurt 2011. S. 48