von Dr. Petra Wilhelmy

Kunst hat notwendigerweise einen Bezug zur Natur, denn deren Bedingungen und Gesetze bilden die Basis für unser Leben, Denken und Schaffen. Davon abgesehen gibt es Kunstrichtungen, die sich explizit mit Phänomenen der Natur befassen, die Landschaftsmalerei der Frührenaissance oder der Romantik etwa, die Stilleben des Barock oder die Pleinairmalerei des Impressionismus. Auch Petra Jung beschäftigt sich intensiv mit Natur, sei es in Form von Beobachtung und Analyse, sei es in Form der künstlerischen Tätigkeit, und zwar in allen von ihr angewandten Techniken. Bei den plastischen Objekten und Installationen hält die Natur als bevorzugtes Arbeitsmaterial sogar selbst Einzug in das Werk.

Diese Idee ist nicht neu. Schon 1936 sorgt Meret Oppenheim in der Kunstwelt für Aufsehen, als sie in ihrem berühmten und heute als Inkunabel des Surrealismus angesehenen „Déjeuner en fourrure“ eine Kaffeetasse samt Teller und Löffel mit Pelz überzieht. Während Oppenheim mit der ironischen Kontrastierung von Elementen aus Alltag und Natur auf geistreiche und auch humorvolle Art provoziert, geht es Jung mehr um das Wesen der Natur. Neben synthetischen Bestandteilen wie Nägeln, Wattestäbchen, Teebeuteln oder Silikon finden bei ihr vor allem organisch gewachsene Stoffe Verwendung: Federn, Stacheln, Kerne, Haare, Grassamen, Schneckengehäuse. Alle diese Materialien zählen nicht zum traditionellen Repertoire künstlerischer Produktion. Aus ihnen stellt sie in geduldiger Präzisionsarbeit Gebilde her, die wie „objets trouvés“ aus der Natur anmuten.

Welchen Sinn aber macht es, so mag man sich fragen, mittels diffiziler Gestaltung Dinge anzufertigen, die es ohne unser Tun in Hülle und Fülle gibt? Wird etwa eine Art Bestandsaufnahme angestrebt? Konservierte Natur fürs Wohnzimmer? Von Dokumentation und Dekoration sind Petra Jungs Schöpfungen weit entfernt. Was uns auf den ersten, schnellen Blick wie ein selektives Stück Natur erscheint, erweist sich bei eingehender Beobachtung als Kunstobjekt. Die Fruchtkapseln, Kakteen, Federkleider, Quallen oder Kokons wirken echt, obwohl die Kombination der Materialien wie auch mitunter die Farbwahl von realen Vorbildern abweichen. Selbst mit transparenten Silikonspitzen übersäte Außenhäute oder wehrhaft aufgestellte Nagelreihen, also unzweifelhaft technische Werkstoffe, suggerieren uns, genau diese gestaltete Version könne durchaus authentische Natur sein. Trotz aller Übereinstimmungen und Analogien haben wir es nicht mit einem organischen Produkt zu tun, sondern mit einer bildhaften Interpretation lebendiger Werdegänge. Zwischen der Urform und dem künstlerischen Endergebnis liegt ein Prozess geistiger Auseinandersetzung.

Auffallend ist die zarte, filigrane Struktur der Arbeiten. Vieles erscheint fast schwerelos, nicht nur die gefiederten Formen. Zahlreiche Bestandteile hat die Künstlerin draußen in der Landschaft entdeckt und gesammelt, entweder in der heimischen Umgebung oder aber auf einer ihrer Reisen in fremde Länder, wo die Vegetation ganz andere Exemplare an Pflanzen und Früchten bereithält, wo sich auch verlassene Nester, Schalen und Knochen der dort beheimateten Tiere aufspüren lassen, wenn man denn ein Auge dafür hat und etwas mit den Funden anzufangen weiß.

Petra Jung legt den Fokus auf den Moment der Veränderung biologischer Vorgänge. Kapseln, Kokons und Hüllen bleiben als Relikte einzelner Entwicklungsphasen zurück. Das Leben als permanenter Wandel birgt Geburt, Wachstum und Sterben in sich. „geborgen schafft gefangen heit“ lautet der Titel einer Ausstellung von 2013 im Daniel Henry Kahnweilerhaus in Rockenhausen. Er thematisiert treffend Jungs künstlerische Intentionen. Die schützende Hülse und das wärmende Nest, die dem behüteten Lebewesen während des Heranwachsens Sicherheit versprachen, müssen aufgegeben werden zugunsten weiterer Entfaltungsmöglichkeiten: der Reife, der Selbstständigkeit, der Eigenverantwortung. Wenn das Heim zu eng und der Freiheitsdrang zu groß werden, entpuppt sich Geborgenheit als Gefangenschaft. Wer autark sein und neue Erfahrungen machen will, muss die Bereitschaft mitbringen, Gefahren auf sich zu nehmen.

Auch andere Ausstellungstitel erzählen von Aufkeimen und Endlichkeit des Lebens. „Vom Setzen der Saat“ (2011) hebt die Genese hervor, „Flüchtige Räume“ (2003) und „Cocooning“ (2012) benennen die Vergänglichkeit, „wohin, mein Boot?“ (2014) fragt zudem nach der Richtung des Lebensweges und schließt die letzte Fahrt mit ein. Aus Hundehaaren modellierte Tierschädel besetzen als einsame Passagiere die aus derselben faserigen Masse hergestellten Nachen. Sie lassen dezidiert erkennen, wo der Transport endet.

Metaphern des Reisens begegnen uns im Œuvre der Künstlerin immer wieder. Das Motiv des Bootes ist nur ein Beispiel dafür, ein anderes, häufiger verwendetes, ist das Symbol des Fliegens. Auch das Schlüpfen, kenntlich an den verwaisten Behausungen, das Sich-auf-den-Weg-Machen zielt darauf ab. Mit Sicherheit spielen hier die eigenen Reisen eine Rolle, bei denen Petra Jung mehrfach auf dem Fahrrad unter körperlichen Strapazen weite Strecken zurücklegte. Unterwegs zu sein, Aufbruch und Ankunft, Wechsel des Ortes, Bewegung im Freien, in Raum und Zeit sind prägende Erfahrungen. Die Welt wird im wahrsten Sinne des Wortes er-fahren.

Das Fliegen jedoch muss wohl die stärkste Faszination auf sie ausüben, was mehrere Werkgruppen und Bildtitel nahe legen. Nicht das Besteigen eines Flugzeuges ist gemeint, um möglichst schnell große Distanzen zu überwinden, sondern das erhabene, scheinbar gewichtslose Gleiten der Vögel und Insekten. „Flügelschlag“, „Von Flügeln“, „Flügel“ oder „Beflügelt“ heißen Gemälde von 2007 bis 2009, „Fliegen“ eine 12-teilige Serie von Ölbildern aus den Jahren 2008/2009, einer Schaffensphase, die sich stärker auf die Malerei konzentrierte. Alle Darstellungen zeigen eine Perspektive, die viel Raum offen lässt. In das kühle, dominante Blau, die Farbe des Himmels und der Ferne, mischen sich bunte Akzente, oft in weit ausschwingenden Bogen- und Fächerformen. Wie ein Echo klingt in diesen Bildern, wie überhaupt in ihren Kunstwerken, die Sehnsucht der Romantik nach. Das Bedürfnis, in die Welt zu ziehen, das gefühlsbetonte Suchen nach dem Geheimnis der Natur, das auch die dunkle Seite des Lebens einschließt, und die poetische Qualität, mit der Petra Jung die Essenz der Natur erspürt und für andere sinnlich erfahrbar macht, erinnern an Ideale der romantischen Epoche.

„federleicht“, die aktuelle Ausstellung im Landtag des Saarlandes, knüpft inhaltlich an die Bilder vom Fliegen an. Dank ihres geringen Gewichts, ihrer Beschaffenheit und Spannweite eignen sich Federn und Flügel besonders gut zur Fortbewegung in der Luft. In der Vorstellung des Fliegens manifestiert sich der Wunsch, sanft von der Erde abzuheben und sich dabei aller Lasten zu entledigen, auch der Sorgen, die uns das Herz schwer machen. Wer wollte nicht frei wie ein Vogel und leicht wie eine Feder davonziehen? Der Traum vom Fliegen gehört zu den uralten Utopien des Menschen. Dank technischer Errungenschaften lässt er sich aufwendig, aber sehr eingeschränkt realisieren. Der tragische Absturz des Ikarus, von dem die griechischen Mythen berichten, ist Sinnbild dafür, dass Visionen scheitern können, manchmal sogar scheitern müssen, weil es ungeachtet unseres Erfindungsgeistes Grenzen gibt.

Petra Jungs Installation greift wie ein natürlicher Prozess in die Architektur des Landtages ein und schafft eine Beziehung zum ebenfalls künstlerisch veränderten Garten. Teppiche aus Federn und Gras überwuchern Teile des Gebäudes und der Terrasse, ziehen dem architektonischen Raum ein neues Kleid an. Es wirkt, als erobere sich die Natur das vom Menschen Errichtete ein Stück weit zurück. Halbkugeln aus eingefärbten Wattestäbchen mit einem Durchmesser von ca. 50 cm zieren wie prächtige Doldenblüten die Wiese. Sie bleiben während der Ausstellung den Witterungseinflüssen und nicht vorhersehbaren Eingriffen oder gar Zerstörungen durch Tiere ausgesetzt, werden also temporär in die Abläufe der Natur integriert. Im Innern definieren maßgeblich Federn und schwebende Objekte den Raum. Unbeschwertheit ist angesagt. Das Foyer des Landtages wird vorübergehend ein Ort, an dem Dinge, die uns sowohl vertraut als auch befremdlich erscheinen, zum Staunen und Nachdenken einladen. Die leeren flauschigen Mäntel und gesprengten Schalen markieren Momente des Umbruchs. Federleicht führen sie uns die Flüchtigkeit des Seins vor Augen, die Modifikationen des Lebens, Wachstum und Metamorphose, aber auch Verletzlichkeit und Sterblichkeit, nicht zuletzt unsere eigene.