von Dr. Andreas Bayer

 

Von Trendforschern wird der Begriff „Cocooning“ – Sich-Verpuppen, Sich-Einpuppen – seit den späten 1980er Jahren verwendet, um eine vermehrt auftretende, gesellschaftliche Tendenz zu bezeichnen, die den Rückzug aus der öffentlichen Zivilgesellschaft in die Intimität der privaten Häuslichkeit als Lebensgefühl beschreibt. „Cocooning“ im ursprünglichen, biologischen Sinn hingegen meint den Vorgang der Verpuppung von Insekten in einen Kokon, als Übergangsstadium zwischen der Insekten-Larve und dem geschlechtsreifen Vollinsekt.


Im Rahmen ihrer Ausstellung zur diesjährigen Saarbrücker Sommermusik zeigt die im Saarland lebende Künstlerin Petra Jung unter dem Titel „Cocooning“ Arbeiten, die die ständige, dem Leben innewohnende Wandlung und Weiterentwicklung thematisieren.
Zeichnungen und Objekte zeigen leere Hüllen, die zurückgelassen wurden, Desiderate des Seins, Überbleibsel einer Verwandlung. Der Kokon fungiert als Metapher des Gestaltwandels, indem sowohl Vergangenheit wie auch Gegenwart der Metamorphose darin präsent sind. Damit rückt Petra Jung weniger das Lebendige an sich als vielmehr das Potenzial des Lebendigen ins Zentrum ihrer Arbeiten. Im Kokon wird das Relikt des Übergangs visualisiert als Hinweis auf die transitorische Situation, den Prozess der Veränderung und auch als Ort und Zeitpunkt des Umbruchs, an dem neue Möglichkeiten erschlossen werden können.
Diesen Gedanken setzt Petra Jung künstlerisch auf unterschiedliche Weise um.
An Mumien erinnernde Kokon-Objekte erscheinen als Papierhüllen mit hoher organischer Anmutung. Das schwarz eingefärbte Papier wirkt wie Leder, ähnelt der Haut eines Lebewesens und  fungiert gleichsam als permeable Grenze zwischen innerem und äußerem Raum, zwischen Leib und Außenwelt. An dieser Grenze ist eine haptische und optische Kontrastsituation verortet. Durch in die Hüllen gestanzte Löcher sind Federn gesteckt, so dass die Federkiele nach außen zeigen und den Eindruck eines Stachelpanzers vermitteln. Im Inneren der Kokons hingegen entsteht durch die weichen Federn eine Situation der Intimität und der Geborgenheit.
Innerhalb der Kokon-Objekte bilden die „Madonnen“ eine eigene Werkgruppe. Lebensgroße, frei stehende Hüllen, die dem Körper einer Frau nachempfunden sind. Figurale Anklänge werden angedeutet, jedoch nicht soweit ausformuliert, dass der Körper real wird. Vielmehr wird hier assoziatives Sehen initiiert, das unterschiedliche inhaltliche Deutungen produziert.

Hüllen sind auch das Thema der Zeichnungen, wobei hier nicht ausschließlich der Kokon im engeren Sinne gemeint ist, sondern auf metaphorischer Ebene auch die Behausung – das Haus, der Turm –
oder ein Ort des Aufenthaltes – ein Raum, ein Stuhl.
Ein Teil der Zeichnungen ist nach einem Bankok-Aufenthalt, bei dem Petra Jung Workshops mit Studierenden geleitet hat, entstanden.
Die Studierenden erzählten von ihrer Geisterwelt, mit der sie in ihrem kulturellen und religiösen Kontext sehr viel unmittelbarer verbunden sind, als die westliche Gesellschaft. Die Studierenden erzählten, dass die Geister oder Seelen nachts den Körper verlassen und umherstreifen oder fliegen. Wobei die Geister dann unterschiedlich in Erscheinung treten. Kinder etwa fliegen in roten Pumphosen. Wenn ein männlicher Geist nachts fliegt, werden seine Arme zu Körben. Und, wenn Hunde zur Geisterstunde bellen, dann sehen sie Geister.
Diese Erzählungen waren der Anlass für die märchenhaft anmutenden phantastischen Zeichnungen. Blätter von zarter Transparenz, unbestimmt in ihrer gestalteten Offenheit und dennoch motivisch gebunden an die Erzählungen. Trotz des vielleicht unheimlichen Themas sind Darstellungen entstanden, die teilweise von einer träumerischen Leichtigkeit geprägt sind.

Das Seelen-Thema greift Petra Jung in einer weiteren Serie von Zeichnungen auf, in denen Mäuse erscheinen.  Im Volksglauben des 18. und 19 Jahrhunderts bestand eine bildliche Vorstellung von der Menschenseele als Maus, die im Körper wohne wie in einer Höhle und beim Tod den Leib verlasse.
Diese Vorstellung weckte in der Künstlerin eine ähnliche Faszination wie die Geistergeschichten aus Thailand, so dass eine Reihe von Zeichnungen entstanden ist, in denen über mit Tusche gedruckten kopfähnlichen Formen "Seelen-Mäuse" gezeichnet sind, die gerade einem Kokon entschlüpfen oder schon im Bildfeld herumgeistern.
In einem weiteren Schritt kombiniert Petra Jung die Zeichnungen mit echten, plastischen Kokons aus Hundehaaren und bereichert die Bilder so um eine haptische Dimension.

Die in Kusel geborene Künstlerin absolvierte nach einem Studium der Kunsterziehung und der Biologie an der Universität des Saarlandes die Grundlehre bei Oskar Holweck an der Hochschule der Bildenden Künste Saar und wandte sich dann dem Studium der Malerei und des Kommunikationsdesign zu. Nach Abschluss des Studiums fertigte sie Auftragsarbeiten u.a. für die Bau AG in Kaiserslautern, für Villeroy & Boch in Mettlach und für die Gemeinde Waldmohr.
Petra Jung erhielt 2003 das Stipendium des Kunstzentrums Bosener Mühle und nahm 2005 an dem Künstleraustauschprogramm ARTMIX zwischen Saarbrücken und Luxemburg teil. 2009 wurde sie mit dem Albert Haueisen Kunstpreis ausgezeichnet.